Podcast #18

Glem und die schnellste Schnecke der Welt

Dort, wo die Sonne untergeht und der große schneebedeckte Berg aufsteigt, wo gleich dahinter der tiefblaue See liegt, der an den duftenden Wald grenzt, wo Rehe, Hasen, Füchse, Spechte und viele andere Tiere seit jeher als Freunde zusammenleben, liegt die schönste aller Wiesen mit Tausenden von blühenden Blumen. Genau hier lebt unser kleiner Schmetterling Glem.

 

Glem ist der jüngste Schmetterling von sieben Kindern. Er liebt es, über die Wiesen zu flattern, neugierig die Natur zu entdecken und Zeit mit seinen Freundinnen und Freunden, den Pflanzen und Tieren zu verbringen.
Als Glem eines nachmittags über seine geliebte Wiese gaukelte, hörte er von Weitem zwei Stimmen. Zwei ungewöhnliche Stimmen.
„Wir sind da“, rief die eine.
„Ja, super“, rief die andere, „dann bleiben wir gleich hier stehen. Die Fahrräder können wir wieder an den Baum dort lehnen.“
„Menschen! Das sind Menschen!“ Menschen beobachtete Glem besonders gern, weshalb er vorsichtig und natürlich neugierig wie immer näher flatterte und eine Menschenfrau und einen etwas kleineren Menschen erkannte. „Ach, wie hießen denn diese kleineren Menschen nochmal schnell?“, überlegte Glem und sah dabei zu, wie sich die beiden daran machten, Brennnesselblätter abzuzupfen. Die gab es nämlich ganz schön reichlich auf der Lichtung.
„Mama?“ hörte Glem wieder die Stimme des kleineren Menschen. „Machen wir heute wieder Brennnesselsuppe? Ich liebe Brennnesselsuppe!“
„Ja gerne, mein Schatz!“ sagte die Frau. „Und einen Tee machen wir auch wieder.“
Glem lächelte und ihm wurde ganz warm um sein Schmetterlingsherz. Es gab nämlich so viele Menschen und Tiere, die glaubten, dass Brennnesseln mit ihren feinen Härchen nur juckende und schmerzhafte Pusteln auf der Haut hinterlassen konnten. Darum freute es ihn umso mehr, dass es auch Menschen und Tiere gab, die wussten, dass Brennnesseln ganz wunderbare Heilkräuter waren. Heilkräuter mit viel Vitamin C und Eisen, die dem Bauch, den Nieren und der Haut Gutes tun konnten.

Glem beschloss, den Menschen länger zuzuschauen und landete sanft auf einem Blatt gleich neben dem Baum, an dem die Fahrräder lehnten. Und wer saß da schon? Richtig, das Schneckenkind Charlie.
„Was machst du denn hier?“, rief Glem überrascht.
„Menschen schauen“, antwortete die kleine Schnecke. „Die waren gestern auch schon da. Sind diese Fahrräder nicht eine supertolle Erfindung?“
„Absolut“, stimmte Glem zu. „Sag, Charlie, weißt du zufällig wie die kleinen Menschen heißen? Mir will das grade nicht einfallen …“
„Ja. Weiß ich. Kleine Menschen heißen Kinder. Die Kinderfrauen heißen Mädchen und die Kindermänner heißen Buben. Und dieser Bub hat so ein tolles Fahrrad.“ Voller Bewunderung musterte Charlie das bunte Kinderrad und seufzte sehnsüchtig.
Glem bemerkte es und schmunzelte vergnügt. „Würdest du gern mal Fahrrad fahren, Charlie?“
Die Fühler der kleinen Schnecke wurden ein bisschen rot. „Ja. Und wie! Weißt du, Glem. Ich bin einfach so langsam. So unendlich langsam. Und ich frage mich, wie es wohl wäre, einmal im Leben ganz schnell zu sein. So ganz, ganz schnell.“
„Dann rauf mit dir!“, rief Glem.
„Was?“
„Ja! Das ist die Gelegenheit. Komm, Charlie. Die Frau und der Bub pflücken bestimmt noch länger. Und in der Zwischenzeit schleimst du auf das Fahrrad hinauf. Wenn die Menschen wieder losfahren, dann bist du mit dabei.“
„Meinst du wirklich?“
„Klar! Keine Sorge, Charlie. Ich flieg dir hinterher und pass auf dich auf.“
„OK.“
Die kleine Schnecke kroch los – so langsam-schnell sie konnte. Und gerade als sie den Gepäckträger erreicht hatte, sagte die Frau: „So das reicht, mein Schatz. Fahren wir nach Hause.“
Aufgeregt blickte Charlie zu Glem, der ganz dicht an das Fahrrad heranflog und seinem Freund noch einmal Mut zusprach. „Das wird super, Charlie. Gute Reise!“
Und dann, dann ging’s los!
Der Bub trat in die Pedale. Charlie saugte sich so fest er konnte an den Gepäckträger und Glem hörte, wie er vor Begeisterung schrie: „Huiiii … ich bin die schnellste Schnecke der Welt!“
Die Fahrt wurde schneller und schneller, Glem konnte fast nicht mithalten. Er flatterte mit kräftigen Flügelschlägen dem Fahrrad hinterher. Die Lichtung lag schon lange hinter ihnen, bald würden sie das Ende des Waldes erreichen.
„Ich glaub, ich hab langsam genu-hug!“ hörte Glem auf einmal Charlies Stimme. „Halt ihn a-han!“
Anhalten? Anhalten! Gute Idee. Nur wie? Glem war völlig aus der Puste und dachte scharf nach, wie er das Menschenkind dazu bringen konnte zu bremsen.
Da fiel ihm etwas ein.
Er gab alles, überholte den Buben und gaukelte ihm vors Gesicht. Dieser blieb abrupt stehen und rief: „Oh, schau mal, Mama! Ein Schmetterling!“ Auch die Menschenfrau hielt an und Glem rief nur: „Runter vom Fahrrad, Charlie!“
Charlie kroch los und währenddessen lenkte Glem die Menschen ab. Dafür setzte er sich auf die Schulter des Buben und ließ sich sogar ganz kurz an den Flügeln berühren, nur damit sein Freund genug Zeit hatte, vom Fahrrad runterzukommen. Charlie kroch und kroch und kroch und schließlich erreichte er den sicheren Waldboden. „Ich hab’s geschafft, Glem!“, rief Charlie seinem Freund zu und unser kleiner Schmetterling verabschiedete sich von der Schulter des Buben.
So radelten die Menschen weiter, während Charlie und Glem ihnen nachschauten.
„Und? Wie war’s?“ fragte Glem aufgeregt seinen Freund, als die Menschen nicht mehr zu sehen waren.
„Toll!“, sagte Charlie, „einfach toll! Aber jetzt … jetzt ist mir ein bisschen schlecht.“

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