Podcast #13

Glem und die Kamille

Dort, wo die Sonne untergeht und der große schneebedeckte Berg aufsteigt, wo gleich dahinter der tiefblaue See liegt, der an den duftenden Wald grenzt, wo Rehe, Hasen, Füchse, Spechte und viele andere Tiere seit jeher als Freunde zusammenleben, liegt die schönste aller Wiesen, mit Tausenden von blühenden Blumen. Genau hier lebt unser kleiner Schmetterling Glem.

 

Glem ist der jüngste Schmetterling von sieben Kindern. Er liebt es, über die Wiesen zu flattern, neugierig die Natur zu entdecken und Zeit mit seinen Freundinnen und Freunden, den Pflanzen und Tieren zu verbringen.

So kam es, dass Glem eines Tages beschloss, der Kamille wieder einmal einen Besuch abzustatten, denn er hatte sie schon lange nicht mehr gesehen. Wie immer war er an diesem Tag als erster wach, reckte und streckte sich und nachdem er ausreichend Morgentau gefrühstückt hatte, gaukelte er durch die Luft. Auf seinem Weg sah er von oben, wie fleißige Ameisenarbeiterinnen emsig kleine Blattreste und winzige Zweige zu ihrem Bau transportierten. Er beobachtete, wie die Fliege Franziska ihre hauchdünnen Flügel und ihre großen Augen putzte. Er feuerte das Schneckenkind Charlie an, der sich wie jeden Tag zu spät auf den Weg zur Schule gemacht hatte. Und er ließ sich von den zwitschernden Singvögeln erzählen, dass Rosalie Reh bald Junge bekommen würde. Beglückt genoss Glem die frische Morgenluft, die nach Blüten, Wald und Wiese roch, winkte flügelflatternd so mancher summenden Bienen zu und landete schließlich auf den zarten, weißen Blütenblättern der Kamille.

„Halli und Hallo!“, rief Glem übervergnügt, „wie geht es dir an diesem schönen, diesem wunderschönen Frühlingstag?“ „Schlecht“, erwiderte die Kamille und wandte ihren Kopf zur Seite. Verdutzt runzelte Glem seine Schmetterlingsfühler. „Aber warum denn? Die Sonne scheint. Die Vögel singen. Die Luft riecht so herrlich nach Frühlingsblüten. Was hast du nur?“ „Nichts“, erwiderte wieder die Kamille, noch miese-schlecht-gelaunter und trauriger als zuvor. „Schlecht geschlafen?“, hakte Glem besorgt nach. „Nein!“ „Ist dir eine Laus über die Blätter gelaufen?“ „Nein!“, meinte da wieder die Kamille und verschränkte trotzig ihre Blätter.

Glem seufzte, schwieg und wartete eine Weile. „Willst du mir nicht einfach erzählen, was los ist? Ich bin doch dein Freund. Und als Freund höre ich dir gerne zu, wenn dich etwas traurig macht. Also komm, sag schon, was bedrückt dich?“

„Ich halte es einfach nicht mehr aus!“, rief da die Blume mit einem Mal laut aus. „Aber was denn? Was hältst du nicht mehr aus?“, fragte Glem und wusste nicht so recht, wie ihm geschah. „Na, ich halte es einfach nicht mehr aus, ich zu sein!“, rief die Kamille aus und zwar so laut, dass ein kleiner Marienkäfer vor Schreck von einem benachbarten Gänseblümchen plumpste. „Schau dich doch um!“, tobte die Kamille weiter und ihre Blütenblätter standen vor lauter Wut zu Berge, „überall, ja, überall gibt es Blumen, die schöner sind. Sträucher, die größer sind. Bäume, die kräftiger sind. Aber ich, ich bin einfach nur eine lausige Kamille.“

„Das stimmt doch nicht, ich mag dich so …“ sagte unser kleiner Schmetterlingsfreund, aber seine Freundin hörte ihn nicht. Sie wollte sich einfach nicht beruhigen. „Nein, Glem. Niemand mag mich. Nicht mal ich selbst, verstehst du? Wer bin ich denn schon? Was kann ich denn schon? Ich bin nicht schön, so wie eine Rose schön ist. Ich bin nicht stark, so wie eine Eiche stark ist. Ich steh da auf der Wiese und rieche nicht einmal wirklich. Ich habe auch keine tollen Blütenblätter wie eine Tulpe, eine Lilie oder eine Glockenblume. Alle anderen Pflanzen haben es besser als ich. Und das ist einfach ungerecht!“ Die Kamille schluckte und schon fing sie bitterlich zu weinen an.

„Bitte, bitte, beruhige dich!“, bat Glem und war ganz besorgt. Er hatte schon lange nicht mehr jemanden so herzzerreißend verzweifelt gesehen. Und er wusste, dass in diesem Moment Worte nichts halfen. „Darf ich dich in die Flügel nehmen, liebste Kamille?“ „Ja …“, schniefte die traurige Blume und so nahm sie Glem behutsam in seine Flügel, wiegte sie hin und her und flüsterte leise: „Ist ja guuut … ist ja schon gut …“

Langsam, ganz langsam wurden die Tränen der Kamille immer weniger und weniger. Sie ließ sich halten und atmete immer tiefer und tiefer durch. Als sie schließlich aufgehört hatte, zu weinen, sah Glem seine Freundin an und sprach mit freundlicher Stimme: „Hör mir gut zu: Du bist eine Kamille und jede Kamille, so auch dich, gibt es nur einmal auf dieser Welt. Allein deshalb bist du etwas ganz Besonderes – so wie jede Pflanze, jedes Tier, jedes Lebewesen. Es bringt nichts, sich mit anderen zu vergleichen. Wir alle sind, so wie wir sind, einzigartig. Du bist ein Geschenk für diese Wiese.“ „Wirklich?“, die Kamille sah Glem etwas ungläubig an. „Wirklich“, meinte Glem. „Es ist so schön, dass es dich gibt. Es ist so schön, dass es dich als Kamille gibt. Du bist wertvoll und wichtig. Genauso, wie du bist.“

„Das stimmt“, rief da mit einem Mal eine Rose aus der Ferne. „Ich finde dich wunderschön! Für mich siehst du aus wie eine große Sonne mit weißen Sonnenstrahlen!“ „Und trotzdem spendest du wunderbaren Schatten“, flüsterte eine Ameisenarbeiterin. „Da kann ich so gut ein Mittagsschläfchen halten. „Ja und außerdem bist du doch eine der wichtigsten Heilpflanzen überhaupt!“, summte eine Bienenmama hinzu. „Du kannst zum Beispiel helfen, wenn jemand Magen- oder Bauchweh hat. Oder auch, wenn jemand Schnupfen oder Husten hat und erkältet ist.“

Die Kamille hörte aufmerksam zu und begann, von einem zum anderen Blütenblatt zu lächeln. „Danke, ihr Lieben! Danke für eure tröstenden Worte. Es tut so gut, zu hören, dass man für andere wichtig und wertvoll ist!“ Nun war es Glem, dem die Tränen kamen – vor lauter Rührung, weil es seiner Freundin nun wieder besser ging. Und ganz beflügelt flatterte er nach Hause, um seinen sieben Schmetterlingsgeschwistern zu erzählen, was er erlebt hatte.

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